Mein Weg

Von der
Grafikerin zur Headhunterin

Ja, auch ich habe eine Universität von innen gesehen. Doch BWL war nicht meine Welt – ich brauchte Kreativität und Tempo. In einer völlig untypischen Schriftsetzerlehre lernte ich all das, was heute Mediendesign heißt – und durfte meine ersten Gehversuche in der Welt des Journalismus machen. Während der Neunziger hatte ich das Glück, von Rave-Flyern bis Corporate Identities so ziemlich alles machen zu können, was man in der Grafik und Werbung machen kann. Inklusive Shootings für Modekataloge mit den allerersten digitalen Kameras. Die Grafik-Szene dieser Zeit war technisch an der Speerspitze des Internetzeitalters – und ein fantastischer Abenteuerspielplatz der Kreativität.

Die rapiden Veränderungen in der Druckindustrie um die Jahrtausend-wende sind mit den Verwerfungen der KI-Technologie vergleichbar, die uns jetzt erfasst. Neue Technologien machten ganze Berufe fast über Nacht überflüssig; kleine Repro-Studios und die Druckerei nebenan verschwanden. Digitalfotografie verdrängte lukratives Scannen, Filmbelichtung – das Brotgeschäft für viele Studios – war Geschichte.

Für mich Zeit, weiterzuziehen. Als Produktionsleiterin eines kleinen Verlags eines Monatsmagazins und diverser anderer Publikationen konnte ich mich zur Zeitschriften-Redakteurin weiterentwickeln. Training on the job und learning by doing waren immer meine bevorzugten Methoden – ob in der wilden Entwicklungsphase der Computer in den 90ern, in der Fotografie und Videografie. In neue Themen einarbeiten, Skills entwickeln, sofort umsetzen, auch mal ein Risiko eingehen, immer das Ziel im Auge haben – für mich hat sich diese Vorgehensweise bewährt.

In den späten Nullern war der Weg der Print-Medien vorgezeichnet. Das Internet übernahm endgültig, für kleine, anzeigenfinanzierte Publikationen wie die, deren Verlegerin ich zu dem Zeitpunkt war, endete die Reise.

Also wieder Zeit für einen Neustart – und den ermöglichten mir zwei Freunde, die ich einst als Anzeigenkunden betreute. In ihrer Personalberatung und Medienagentur startete ich als Freelancerin und kümmerte mich um den Stellenanzeigenbereich. HR war für mich eine völlig neue Welt. Um ehrlich zu sein: Ich sah es damals nur als Notlösung.

Doch ich blieb. Sehr gerne sogar.

Verbindendes meiner Berufe

2012 steckte das, was wir heute Active Sourcing nennen, noch in den Kinderschuhen. Aber war in aller Munde. Ich habe Erfahrung mit Social Media von dessen Anfängen an, daher bot es sich an, dass ich das Recruiting mit Xing und Co. aufbaute. Was für eine Lernkurve – Zeitarbeit, Arbeitsverträge, Verrechnungssätze, für mich absolutes Neuland.

Nicht jedoch Interviews. Hier war ich in mir vertrautem Terrain, hatte ich mich doch seit den 90ern mit einer Vielzahl von Menschen verschiedenster Hintergründe zu verschiedensten Themen ausgetauscht. Und das in Situationen, in denen meine Gesprächspartner ähnlich wie in Jobinterviews sehr daran interessiert waren, zu glänzen.

Auch Briefings zu Positionen und das damit verbundene Employer Branding waren mir erstaunlicherweise sehr vertraut: als Designerin und im Anzeigenmarketing ist der erste Schritt immer, dem Auftraggeber zu entlocken, was er denn eigentlich erzielen will, wie er sich selbst sieht und wie er gesehen werden möchte.
Nichts anderes sind für mich diese Briefings: der Rahmen herauszufinden, welche Qualifikationen der Klient tatsächlich braucht, was wirklich wichtig ist, und was nice to have. Welche Softskills passen ins Team, und welche Personalität. Was für Benefits gibt es wirklich, wie sieht die Position in der Realität aus, was könnten Türöffner bei den Kandidaten sein.

Vieles im HR ist der Grundaufgabe des Journalismus sehr ähnlich: sagen, was ist. Die Realität zu erkennen, Tatsachen von Übertreibungen und Schönfärbereien zu trennen. In meinen Fast 15 Jahren in der HR habe ich eines gelernt: nur Offenheit und Klarheit führen zum Erfolg. Aufgeblasene Lebensläufe, erfundene Skills und schöngefärbte Leistungen fallen Kandidaten ebenso auf die Füße wie den Unternehmen Positionsbeschreibungen, die nichts mit der tatsächlichen Tätigkeit zu tun haben. Benefits die Selbstverständlichkeiten beschreiben, begeistern niemanden, Obstkörbe ersetzen keine faire Bezahlung und blumige Philosophien übertünchen keine triste Realität.

Zusammengekommen: Meine 2 Jobs werden 1

Die wenigsten Menschen haben bei einer kompletten beruflichen Neuausrichtung das Glück, die Fähigkeiten und Aufgaben, die sie im „alten“ Job hatten, in den Neuen mitzunehmen und weiterzupflegen.
Ich hatte es.

Die Personalbranche ist in einem sehr schnellen Wandel, denn sie muss sich der Dynamik des Arbeitsmarktes anpassen. Sicher, nicht jeder neue Trend macht Sinn. Vieles basiert meiner Erfahrung nach auf Erfindungen von Marketing-Agenturen und Job-Portalen, die versuchen ihre alten Dienstleistungen im neuen Gewand auf den Markt zu werfen. Das begann mit „Facebook-Recruitiung“ und endet sich nicht mit „KI-Sourcing“.

Doch erfordern die Veränderungen vor allem auf Kandidatenseite ein permanantes Nachjustieren. Die Mediengewohnheiten ändern sich rapide, und so auch die Ansprache der Zielgruppen. Die Generation TikTok erwartet eine völlig andere Kommunikation als Gen X-Professionals.

Für mich brachte das die einmalige Herausforderung mit sich, alles, was ich über Kommunikation, Gestaltung, Mediendesign, Texten und Webdesign wusste und and Gestalltungstechnik und Programmierung konnte, in meinem neuen Beruf mit einzubringen. Von der Konzeption und Umsetzung von Webseiten und Landingpages über Mailkampagnen bis zur Anzeigengestaltung für meine Arbeitgeber – ich blieb am Ball. Hinzu kam, dass ich durch den Zugang zu den Analyse-Tools unser Website aber auch denen von Jobportalen eine Response-Control hatte, die mir früher in der Grafik völlig fehlte.

Dies möchte ich auch in Zukunft so leben dürfen.